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Erkrankungen.

Windpocken.

WindpockenWindpocken, medizinisch Varizellen genannt, sind eine weltweit verbreitete, sehr ansteckende Infektionskrankheit. Hervorgerufen werden sie durch ein Virus aus der Familie der Herpesviren, das Varizella-Zoster-Virus.

Typischerweise handelt es sich bei Windpocken um eine Kinderkrankheit. Kaum ein Kind entgeht dieser meist harmlosen, aber sehr unangenehmen Virusinfektion. Das geht aus Blut- untersuchungen hervor, die zeigen, dass 95 % aller Erwachsenen in ihrem Leben einmal eine Windpockenerkrankung durchgemacht haben.

Wenn man sich als Erwachsener das erste Mal in seinem Leben mit dem Virus ansteckt, verläuft die Krankheit meist sehr viel schwerer als bei Kindern.

Hervorgerufen werden Windpocken durch das Varizella-Zoster-Virus. Das Virus ist mikroskopisch klein, leicht und kann für kurze Zeit (bis zu 48 Stunden) außerhalb des Körpers überleben.

Übertragen wird das Virus entweder durch direkten Körperkontakt oder durch Tröpfcheninfektion. Bei einer Tröpfcheninfektion wird das Virus durch kleinste Flüssigkeitströpfchen, die beispielsweise beim Husten und Niesen in die Umwelt geschleudert werden, verbreitet. Mit dem Luftzug kann es auch Menschen erreichen, die sich nicht in unmittelbarer Nähe des Erkrankten aufhalten. Daher der Name Windpocken.

Patienten mit Windpocken können das Virus schon etwa 2 Tage vor der sichtbaren Erkrankung übertragen und bleiben mindestens so lange infektiös, wie neue Bläschen entstehen.

Besonderheiten

Wer einmal Windpocken hatte, wird nicht noch einmal an diesem Hautausschlag erkranken. Denn die körpereigene Abwehr (Immunsystem) „merkt" sich bereits bei der ersten Infektion mit Hilfe von Gedächtniszellen die Struktur des Virus und kann so bei einer erneuten Infektion so schnell dagegen vorgehen, dass sich die mit Windpocken einhergehenden Symptome gar nicht erst ausbilden (Immunität). Allerdings wird das Varizella-Zoster-Virus auch bei Abheilen der Erkrankung nicht komplett aus dem Organismus eliminiert. Stattdessen „versteckt" es sich ein Leben lang in Nervenknoten vor den Zellen und Botenstoffen des Immunsystems.  Im Erwachsenenalter  können die versteckten Viren, insbesondere bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem, reaktiviert werden und ein anderes Krankheitsbild hervorrufen: den Zoster (Synonyme: Herpes Zoster, Gürtelrose).

Krankheitsverlauf

Zwischen der Infektion und den ersten spür- und sichtbaren Zeichen liegen in der Regel 2 bis 3 Wochen. In dieser Zeit kann sich das Virus unbemerkt vermehren. Dann beginnt die Erkrankung mit dem typischen Hautausschlag: Es bilden sich flache rote Flecken, die am ganzen Körper verstreut auftreten können, insbesondere an Kopf und Rumpf, später ggf. auch an den Armen und Beinen. Auch ein Befall der Schleimhäute (z. B. Mund, Rachen, Genitalbereich) ist typisch.

Im Laufe von Stunden verdicken sich die Flecken zu kleinen Knötchen und bilden dann Bläschen, die von geröteten (entzündeten) Hautarealen umgeben sind. Die Bläschen sind mit einer klaren wässrigen Flüssigkeit gefüllt und reißen leicht auf. Während der Bläschenbildung besteht mäßiger bis starker Juckreiz. Nach einigen Tagen bilden sich fest haftende Krusten, die die Abheilung anzeigen.

Innerhalb der ersten 2 bis 4 Tage entwickeln sich weitere Bläschen. Die Anzahl ist sehr unterschiedlich – von einigen wenigen bis hin zu hunderten von Bläschen.

Da sich die Bläschen schubweise bilden, sind nach einiger Zeit alle Entwicklungsstadien zu sehen (Rötung, Bläschen, Krusten). Die Krusten fallen nach 2 bis 3 Wochen ab. Narben bilden sich nicht, es sei denn, die kleinen Patienten fangen wegen des starken Juckreizes an zu kratzen. Dies sollte auf jeden Fall vermieden werden. Gelangen durch die Fingernägel Bakterien in die aufgekratzten offenen Bläschen, können diese sich entzünden, eitern und dann beim Abheilen bleibende Narben hinterlassen.

Windpocken gehen häufig mit quälendem Juckreiz einher, und in den ersten Tagen kann sich  Fieber entwickeln.

Komplikationen sind bei Kindern im Gegensatz zu Erwachsenen selten. Zu den möglichen Komplikationen zählen u. a. aufgelagerte Hautinfektionen mit Bakterien (so genannte Superinfektionen), Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) und Lungenentzündung. Ein besonderes Risiko besteht für Neugeborene, Frühgeborene, Schwangere, die selbst nie an Windpocken erkrankt waren (fehlender Immunschutz) und Patienten, deren Immunsystem durch Erkrankungen oder bestimmte Medikamente beeinträchtigt ist (HIV-Infektion, Organtransplantierte).

Da Windpocken sehr ansteckend sind, sollten erkrankte Kinder möglichst isoliert werden, d. h. sie sollten sich nur im häuslichen Bereich aufhalten. Ältere, insbesondere geschwächte Personen sollten Abstand wahren. Bei Fieber ist Bettruhe zu empfehlen.

Da die Erkrankung in der Regel komplikationslos verläuft, werden meist nur Arzneimittel verordnet, die gegen die Symptome (Entzündung, Nässen, Juckreiz, Fieber) und nicht gegen das Virus gerichtet sind. Austrocknend und juckreizlindernd ist zum Beispiel synthetischer Gerbstoff (z. B. in Tannosynt® Lotio oder Tannosynt® flüssig). Häufig wird auch eine wirkstofffreie Zinkoxid-Schüttelmixtur empfohlen oder Präparate mit anderen juckreizlindernden Wirkstoffen wie Polidocanol. Bei sehr starkem Juckreiz werden Antihistaminika verordnet, die eingenommen werden müssen. Wenn die Gefahr einer bakteriellen Hautinfektion besteht, müssen äußerlich zusätzlich Antiseptika aufgetragen werden.

Nur Risikopatienten erhalten innerliche Therapien, die gegen das Virus gerichtet sind.

Vorbeugung

Derzeit wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut generell eine Varizellen-Schutzimpfung im Alter von 11 – 14 Monaten empfohlen. Die zweite Impfung sollte im Alter von 15 – 23 Monaten verabreicht werden (Stand 2014).Sie zählt daher seit August 2004 in Deutschland zur Standardimpfung im Kindesalter.

Eine Impfung wird u. a. auch für folgende Risikogruppen empfohlen:

  • Frauen mit Kinderwunsch, die keinen (eigenen) Immunschutz haben. Ob ein Immunschutz besteht, kann durch Bluttests bestimmt  werden. Wenn das Immunsystem zuvor bereits mit dem Virus Kontakt hatte, können im Blut spezifische, gegen das Virus gerichtete Botenstoffe (so genannte Antikörper) nachgewiesen werden.
  • Patienten, bei denen eine Therapie geplant ist, die das Immunsystem schwächt und die keinen eigenen Immunschutz haben.
  • Empfängliche Patienten mit schwerer Neurodermitis („empfängliche Personen" bedeutet: anamnestisch keine Windpocken, keine Impfung und bei serologischer Testung kein Nachweis spezifischer Antikörper)
  • Personal im Gesundheitsdienst, wenn kein Immunschutz besteht
  • Empfängliche Kontaktpersonen zu den beiden zuvor genannten Punkten
  • Achten Sie darauf, dass die Fingernägel Ihres Kindes möglichst kurz geschnitten und sauber sind, damit sich die Kinder nicht verletzen oder infizieren, wenn sie sich kratzen.
  • Ziehen Sie Ihrem Kind keine Kleidung an, die kratzt oder juckt, wie z. B. Wolle.
  • Lotionen lassen sich gut und spielerisch mit einem Wattestäbchen durch das Kind selbst auftragen. Sobald sich ein neues Bläschen zeigt, sollte mit dem Auftragen begonnen werden.
  • Kinder, die schon einmal Windpocken hatten, können weiterhin mit dem erkrankten Kind zusammen sein.

Wie lange sind Windpocken ansteckend?

Bereits wenige (1 bis 2) Tage vor dem Ausbruch der Erkrankung, während der Zeit der Bläschenbildung und ca. 7 Tage nach Abheilung der Bläschen, können die Varizellen-Viren übertragen werden.

Ist bei Windpocken mit Komplikationen zu rechnen?

In der Regel nicht. Selten kommt es zu einer  Hirnhaut-Entzündung, einer untypischen Lungenentzündung oder Mittelohrentzündung  Besonders gefährdet für schwere Verläufe sind Neugeborene, Personen mit geschwächtem Immunsystem oder Schwangere. Komplikationen können jedoch auch bei sonst gesunden Kindern auftreten, was die Bedeutung der Prophylaxe (Impfung) unterstreicht.

Was ist während einer Schwangerschaft zu beachten?

Grundsätzlich gilt bei der Möglichkeit einer Erkrankung oder einer Erkrankung selbst – insbesondere während der ersten drei Monate der Schwangerschaft – mit dem Frauenarzt über die Auswirkungen und mögliche Vorsichtsmaßnahmen zu sprechen.

Heidelberger A and Cremer H. Varicella-Zoster-Virus-Erkrankungen. ('Varicella Zoster Virus Diseases') In: Abeck D and Cremer H (Publisher): Häufige Hautkrankheiten im Kindesalter. ('Frequent skin diseases in childhood') 3rd Edition. Steinkopff Verlag Darmstadt 2006. P. 151-155.
Stockfleth E. Humane Herpesviren. ('Human herpes viruses'.). In: Braun-Falco et al. (publisher): Dermatologie und Venerologie. ('Dermatology and Venerology'). 5. Edition Springer Medizin Verlag Heidelberg 2005. p. 64-67.